An dieser Stelle habe ich ein tolles Zitat gefunden, das einem Lust auf Barth macht, selbst wenn man gerade schon Barth liest…

Warum Karl Barth? Die Antwort lautet: Weil man mit ihm nicht fertig wird, herausgefordert bleibt und wie kaum sonst in der Theologie auf das Zentrum aller Theologie verwiesen wird. So bleibt zu vermuten, dass der theologische Lehrer dieses Jahrhunderts, der schon zu Lebzeiten erlebte, ebenso in wie out zu sein, seine eigentliche Renaissance noch vor sich hat. Barth mutete sich anderen zu, er forderte und förderte. Für viele Weggefährten, Freunde, Schüler und Gegner war er eine Herausforderung, oft in seinen Positionen eine Zumutung, aber er wurde und wird gehört.

In seiner ersten Predigt sagt Karl Barth 1909:

„Es kommt gerade für uns Theologen darauf an, dass wir all unser Handeln und Reden in unserem besonderen Beruf immer nur als einen Anfang … betrachten, dessen Vollkommenheit in nichts anderem besteht als in der bleibenden Richtung auf das Ziel. Darum muß die erste Losung und die letzte für den Pfarrer und für die ganze Gemeinde sein, das Ziel im Auge zu behalten. Unser Anfang und unser Ziel ist aber Christus.“

Mit diesem „Anfangen“ lebt Karl Barth bis in die letzten Tage seines 82-jähigen Lebens. Auch darin ist und bleibt er ein Vorbild in einer Zeit, die nach Orientierungen und Werten gerade zu schreit, sich aber nur allzu gern weigert, sich gedanklich auf den Weg zu machen, Unsicherheit zu wagen, den Zweifel anzunehmen und damit der Geistlosigkeit zu wehren.

(Hanns-Heinrich Schneider)

Es ist ein durch sein ehrwürdiges Alter nicht gerechtfertigter Irrtum, an dessen Verstärkung freilich gerade auch Luther nicht unbeteiligt war, wenn man das Alte Testament als ein Dokument, womöglich als das klassische Dokument einer Gesetzes- und also Werkreligion (…) versteht. (I/2, 339)

Schöner hätte es E.P. Sanders auch nicht sagen können. Aber meint Barth dasselbe? Nicht ganz: Frei von Werkgerechtigkeit ist Israel nach Barths Ansicht nicht etwa durch sein grundsätzliches „religious pattern“, sondern nur an den Orten und bei den Personen, wo Gottes Offenbarung tatsächlich geglaubt wird, wie etwa im Glauben Abrahams (Röm 4!). In Israel hat es, so Barth, immer beides gegeben: Werkgerechtigkeit und Götzendienst einerseits, also Religion als Versuch der Selbstrettung und wahrer Glaube andererseits, also als Anerkennung des einzigen Gottes und seiner Macht zur Errettung des Gottlosen. Werkgerechtigkeit wäre dann also keine angemessene Auslegung des AT, sondern gerade die Blindheit gegenüber der eigentlich im AT schon bezeugten Christuserkenntnis, nämlich: Gott allein rettet den Sünder. Am Ende meint also Barth nicht nur nicht ganz dasselbe, sondern doch eher ganz etwas anderes…

Barths Gott ist souverän. So souverän, dass es manchmal weh tut. Weil der Mensch (ohne Gott) dabei so klein wird, dass am Ende nichts übrig bleibt. An manchen Stellen scheint aber durch, was an dieser Sicht so verheißungsvoll sein könnte, so befreiend, so – wahr? Zum Beispiel dort, wo es um die Inanspruchnahme des Menschen als Zeuge der Offenbarung Gottes geht (man kann es auch mit einem unmodischen und missverständlichen Wort „Mission“ nennen):

Man bemerkt auch bei den alttestamentlichen Propheten und im Neuen Testament auch bei einem Paulus gerade im Letzten nichts von jener Starrheit und von jenem Zelotismus [=Fanatismus] und darum auch nichts von jenem ängstlichen Eifer, kurz, von jenem Krampf, der sich da einzustellen pflegt, wo der Mensch die causa Dei [=die Sache Gottes] wirklich als seine eigene Aufgabe und Sorge auffasst und behandelt. Sie wollen wirklich nicht tun, was Gott tut. Sie wollen nur dabei sein. Sie operieren nicht, sondern sie assistieren. (KD I/2, 301)

Gerade diese Entkrampfung ist es wohl, die viele (z.B. DoSi) veranlasst, heute lieber von der Missio Dei zu sprechen, als von einer irgendwie auszuführenden Missio hominis. Gerade in dieser Entkrampfung ist man Zeuge, Zeigender, nicht mehr.

In der modernen protestantischen Dogmatik nimmt Barth auch in dieser Frage eine Sonderstellung ein: Er bejaht das Dogma der Jungfrauengeburt. Die Ausführungen dazu sind mitunter etwas zäh, knapp lässt sich folgender Argumentationskern feststellen:

  • Die Jungfrauengeburt (JG) ist nicht allein deshalb zu übernehmen, weil sie stets Dogma aller Kirchen gewesen wäre. Dadurch allerdings kommt ihr immerhin eine Stellung zu, die Respekt und ernsthaftes Nachdenken gebietet.
  • Es ist einzugestehen, dass die biblische Bezeugung vergleichsweise dünn und nicht unfraglich ist. Zugleich wird man das biblische Zeugnis nicht als so problematisch bezeichnen wollen, dass aus exegetischer Sicht das Dogma zu bestreiten sei.*
  • Man muss von der gemeinten Sache her argumentieren: Was ist mit der JG theologisch ausgedrückt? Barths Formulierung lautet: Die JG ist „Zeichen für das Geheimnis der Offenbarung in Christus“.
  • In möglichst einfachen Worten heißt das: Die JG ist – darin vergleichbar mit dem leeren Grab – weder die Offenbarung selbst noch die Begründung der Offenbarung. Sie ist, darin aber liegt ihre unaufgebbare Funktion: Hinweis auf die Offenbarung in Christus, gelegte Spur, der es zu folgen und nachzufragen gilt.
  • Sachlich heißt das: Die Geburt aus einer Jungfrau und die Empfängnis nicht durch einen Mann, sondern durch den Heiligen Geist selbst, bezeichnet die Tatsache, dass hier Gott allein handelt, ohne ein Zutun oder einen Anknüpfungspunkt beim Menschen.
  • Der Mensch Jesus entsteht demnach so, wie Glaube entsteht: Ohne menschliches Zutun, allein durch das Wirken des Geistes.

Fazit: Die Jungfrauengeburt ist sachlich die Bestreitung jeder natürlichen Theologie, also der Vorstellung, der Mensch sei in welcher Hinsicht und geringen Weise auch immer, „Mitarbeiter“ Gottes. Christus könnte auch geglaubt werden, ohne dieses Zeichen, denn in Christus selbst ist alles Wesentliche schon gesagt. Wo die JG aber einmal bezeugt ist, kann sie nicht ohne Gefahr geleugnet werden: Denn sie ist Hinweis auf das souveräne Handeln Gottes am Menschen.

Meine Ansicht: Ich schätze die Ehrlichkeit, mit der Barth zunächst die Hinterfragbarkeit der JG aufgrund der neutestamentlichen Belege bejaht, und ich schätze den Respekt, mit der er einem Dogma begegnet, dass bis heute von allen Christen bekannt wird (mit welchen Hintergedanken auch immer). Beides muss gesagt werden. Die Leugnung der Hinterfragbarkeit ist Zeugnis der Ängstlichkeit, das lockere Vom-Tisch-Wischen Zeugnis der Arroganz.
Barths Auslegung ist dann natürlich verdächtig „auf Linie“, was seine eigene theologische Konzeption angeht. Ich bin noch nicht ganz überzeugt, dass dies tatsächlich auch das Anliegen der ersten Christen bei der Formulierung des Dogmas gewesen sein soll. Aber nachdenklich macht es mich schon: Kann es sein, dass hier weder eine Lust am Mirakel noch eine gewisse Leibfeindlichkeit noch ein Einfluss aus mythologischen Anschauungen ausschlaggebend war, sondern tatsächlich eine theologische Notwendigkeit erspürt wurde?

*Dahinter steht die Tatsache, dass die älteren Texte des NT (z.B. Paulus und Markus) die Jungfrauengeburt nicht thematisieren. In den frühen Bekenntnisformulierungen (Röm 1, 1Kor 15) kommt sie nicht vor. Manche Exegeten meinen deshalb, die späteren Nennungen der Jungfrauengeburt (Mt, Lk) seien z.B. durch leibfeindliche Interessen bedingt und durch die früheren Texte zu kritisieren.

P.S.: Es mag künstlerisch zweite Liga sein – aber ich glaube, ich habe noch nie ein so schönes Bild von Maria mit dem Christuskind gesehen wie das hier.

So ausführlich Barth dogmatisch schreibt, so knapp kann er, wenn nötig, andere Bücher rezensieren:

Was Brunner in seinem neusten Buch „Der Mensch im Widerspruch“ zu dieser Sache beibringt, ist so schlimm, daß ich nur durch Schweigen dazu Stellung nehmen kann. (KD I/2, 201)

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Barth hätte seine Rezensionen twittern können!

Finde ich Barths Kritik überzeugend? Ich bin noch nicht sicher. Für sich hat dieser Ansatz jedenfalls, dass die Evangelien Christus, bei all seiner Besonderheit, als tatsächlich ständig Missverstandenen vorstellen. Menschen glauben eben nicht, dass er Gottes Sohn ist, obwohl er Außerordentliches tut und sagt. Der Eindruck, den Jesus als Person (Prediger, Leiter, Freund etc.) gemacht haben mag, „beweist“ hier offenbar noch gar nichts.

Aber, und das wäre die Rückfrage an Barths Kritik: Soll denn in der frommen Rhetorik damit, dass Jesus als bester Prediger und Familienvater idealisiert wird, wirklich etwas „bewiesen“ werden? Findet diese Bewunderung hier nicht eigentlich im Nachhinein der Offenbarung und des Glaubens an die Gottheit Jesu statt? Ist das wirklich eine Art „natürliche Theologie“? Ich denke nicht.

Wo liegt also das Problem, wenn die Gottheit Jesu ständig in eine Art menschliche Supermanhaftigkeit übersetzt wird? Wo liegt das Problem, wenn z.B. Dallas Willard feststellt, dass Jesus der intelligenteste Mensch aller Zeiten gewesen sein muss, weil er ja Gottes Sohn war? Nicht so sehr vielleicht, wie Barth annimmt, darin, dass damit etwas für die Gottheit Jesu „bewiesen“ werden sollte. Sondern es wird hier offensichtlich – unter Voraussetzung der Gottheit Jesu – irgendwie unklar, dass Gottes Wort wirklich Mensch wurde; sich wirklich entäußerte und Knechtsgestalt annahm.

Wir kommen also einerseits angesichts der Evangelien nicht umhin, Jesus als wirklich außergewöhnlichen Menschen zu verstehen. Darin aber liegt kein „Beweis“ für seine Gottheit.

Wir kommen andererseits angesichts des gesamten christologischen Zeugnisses nicht umhin, Christus als einen Menschen unter Menschen zu verstehen. Darin aber liegt keine Bestreitung seiner Besonderheit – soweit die Evangelien diese bezeugen (aber eben nur soweit und nicht rückschließend und phantasierend darüber hinaus) .

Es ist in frommen Kreisen nicht unüblich, sich Jesus – weil Gottes Sohn – als den „besten Menschen“ vorzustellen. Jesus ist dann der vorbildlichste Leiter, Beter, Prediger, Sozialrevolutionär, Geschichtenerzähler usw. Ließe sich das irgendwie hinbekommen, wäre man wohl auch froh, ihn irgendwie als den vorbildlichen Ehemann und Familienvater darstellen zu können.

Barth identifiziert diesen fromm-pietistischen Zugang zu Christus über die Bewunderung des Menschen Jesus in einer interessanten Wendung als Parallele zur liberalen Beschreibung des „historischen Jesus“. In beiden Projekten geht es um die Verortung des „Göttlichen“ im „Menschlichen“. In der frommen Richtung mehr als Verortung in einer vielleicht charakterlichen Vorzüglichkeit, in der liberalen Richtung als Verortung in einer vielleicht ethisch-moralisch-politischen Vorbildlichkeit.

Gemeinsam ist beiden Ansätzen, so Barth, dass das Geheimnis des Christus (als Mensch wahrer Gott) auf diese Weise „allgemein verständlich“ und „allgemein einleuchtend“ werden soll. Jesu Göttlichkeit wird in seiner Super-Menschlichkeit erwiesen. So aber „wird durch die direkte Verherrlichung der Menschheit Christi als solcher das göttliche Wort umgangen…“ (I/2, 151) Dabei kann doch die Menschheit Jesu „an sich, abstrakt und direkt [nicht] Gegenstand des Glaubens und der Anbetung sein“.

Zum Glauben an den Christus soll und muss man nicht kommen, indem man Jesus so menschlich beeindruckend findet, dass man gar nicht anders kann, als ihn Gott zu nennen. Wie dann? Nach Barth geschieht so etwas allein durch einen göttlichen Akt der Offenbarung, in dem einem Menschen diese eine, an sich vielleicht imponierende aber sicher nicht unausweichlich zum Glauben überführende historische Gestalt als der ewige Sohn Gottes erschlossen wird.

Ich befinde mich gerade im christologischen Teil der Prolegomena (also: noch in der Vorrede, die allerdings ca. 1000 Seiten füllt und in sich bereits so ziemlich alle Themen der Dogmatik, u.a. die Christologie bespricht). Typisch für Barth ist hier der Gedanke, dass die Erkenntnis Jesu von Nazareth als Sohn Gottes keine irgendwie menschlich geartete Reflexion auf dessen besondere Persönlichkeit ist („War doch eigentlich ein dufte Typ, oder? Kann man sich einen dufteren vorstellen? Ich glaube nicht! Dann war er wohl Gott, oder so.“), sondern als ein Offenbarungsfaktum jedem theologischen Denken stets vorangeht („Das ist ja wahrhaftig Gottes Sohn! – Äh, was heißt das denn jetzt?“).

Interessant fand ich die Tatsache, dass mir außerhalb von Barth Christologie bisher häufig eine  Art „Verweis-Christologie“ begegnet ist: Christus ist gerade darin Sohn Gottes, dass er eben immer auf den Vater verweist und für sich selbst nichts beansprucht. Bei Barth ist mir jetzt klar geworden, dass das unbedingt ergänzt gehört um den Selbstverweis Christi (beides spielt ja im Johannesevangelium etwa eine Rolle). Denn: Auf Gott verweisen, das tut auch im AT (und NT) jeder vernünftige Prophet! Christus ist aber mehr, nämlich Gott selbst als Mensch. Und erst dann wird es ja spannend, wenn Christus ständig von sich wegweist! Erst dann hat das plötzlich sehr interessante Konsequenzen: Was heißt es für Gottes Wesen, dass er ständig von sich wegweist? Und für unser Selbstverständnis?

Ich stecke momentan in §14 (KD I/2) mit dem Titel „Die Zeit der Offenbarung“. Unter anderem geht es darum, dass Gott in seiner Fleischwerdung „Zeit für uns hat“; Barth meint das wohl in seinen beiden Bedeutungsspielarten: Gott hat in Christus Zeit für uns, so wie er einen Körper hat, anfassbar wird. Und im ganz praktischen Sinn: Gott hat Zeit für uns, nimmt uns also wichtig. Und hier setzt ein nettes Zitat an, mal wieder aus den kleingedruckten Exkursen:

Wir mögen dabei [dass Gott Zeit für uns hat] wohl daran denken, daß Zeit haben für einander (…) in Wirklichkeit den Inbegriff aller Wohltaten bezeichnet, die ein Mensch dem andern erweisen kann. Wenn ich jemandem meine Zeit wirklich schenke, dann schenke ich ihm eben damit das Eigentlichste und Letzte, was ich überhaupt zu verschenken habe, nämlich mich selber. Schenke ich ihm meine Zeit nicht, so bleibe ich ihm gewiß alles schuldig und wenn ich ihm im übrigen noch so viel schenkte. (KD I/2, 60)

Heute den ersten Band, KD I/1, abgeschlossen. So stelle ich mir die ersten 500 Meter eines Marathons vor. Man fühlt sich frisch, die Beine kommen gerade in Schwung, am Streckenrand wird aufmunternd geklatscht. Aber es kann keinen Zweifel geben: Durch die §§34/35 (Gottes Gnadenwahl, 2. Teil), irgendwo zwischen Seite 2400 und 2800, da wo keiner mehr jubelt, da musst du durch, an irgendeinem Morgen im Frühjahr 2010…

Nach hunderten von Seiten über das Geheimnis der Trinität Gottes beendet Barth den ersten Band mit einem Zitat aus Augustins De trinitate:

Befreie mich, o Herr, von der Vielrederei, an der ich drinnen in meiner Seele leide; sie ist erbarmungswürdig vor deinen Augen und flieht hin zu deinem Erbarmen. (De trin. XV 28,51)

Das ist Barth, wie man ihn kennt: Der Theologe soll von Gott reden, kann es aber nicht, weil er nur Mensch ist. So redet er also von Gott, aber in der Hoffnung auf die Gnade Gottes über sein Reden. Eine letzte Spitze gegen andere Dogmatiker kann er sich aber dann am Ende doch nicht verkneifen. Und so folgt auf das schöne Augustin-Zitat noch diese etwas fiese aber amüsante Anmerkung:

R. Seeberg (Lehrbuch der Dogmengeschichte 2, 163) entnimmt diesen Worten Augustins, ihm sei am Ende [seiner Theologie] bei der „Fülle der Gesichte“ selbst bange geworden. Nun, das könnte wohl sein. Es gibt Theologien, deren Urhebern am Ende keineswegs bange zu werden braucht, weil ihnen die „Fülle der Gesichte“ aus guten Gründen erspart geblieben ist. (KD I/1, 513)

Als kleiner Junge hat sich Barth häufig und gerne geprügelt. Als gestandener Theologe offenbar auch noch.

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