Die Barth-Blog-Pause hat nun knappe 4 Monate gedauert. Es war wirklich einmal fällig, wie ich jetzt merke, wo ich mich langsam wieder einfinde. Wie erhofft, habe ich nun wieder Geduld und Freude an Barths langen Sätzen und endlosen Wiederholungen. Auf in die nächste Runde.
Nachdem hier gerade noch mit einem Beitrag der Anfang in der “Gotteslehre” (KD II/1) gemacht wurde, bin ich inzwischen bei Barths Lehre von den Eigenschaften Gottes angekommen. Da es hier nie darum ging, ernsthafte Zusammenfassungen anzubieten (wer das sucht, wird ja bei Otto Weber bestens bedient), erspare ich mir eine Nacherzählung des Verpassten und springe mitten hinein in den §30 “Die Vollkommenheiten des göttlichen Liebens”.
Dabei begegnet, für mich überraschend, gerade hier eine Frage, die mich schon eine Weile beschäftigt: Sind Müssen und Dürfen für den Christen ein Widerspruch oder nicht? Ist der vom Evangelium getroffene Mensch ein radikal von jedem Anspruch und jeder Pflicht befreiter, der allein in Entsprechung zu seiner neuen Existenz (2Kor 5,17!) lebt? Der Christ “muss” gar nichts mehr; er darf nun.
Oder ist der vom Evangelium getroffene Mensch gerade als Erneuerter und Befreiter überhaupt erst mit vollem Ernst in Anspruch genommen, weiß er sich von Gott auf eine Art und Weise in die Pflicht genommen, die ihm zuvor unbekannt war? Sein Dürfen ist auch ein Müssen?
Oder anders: Ist die Rede vom “Gehorsam” eine, die auf die durch Christus ermöglichte Gottesbeziehung anwendbar ist, oder nicht? Können diejenigen, die nun vom Geist Gottes getrieben werden (Röm 8,1ff) noch von einem Müssen reden? Oder wissen überhaupt erst sie, wie ernst es Gott ist und sehen ihr Müssen deshalb in voller Klarheit?
Für Barth gilt ganz klar: Im Dürfen liegt auch ein neues und nun erst wirklich dringliches Sollen und Müssen. Das nimmt in seiner Gotteslehre eine bestimmte Form an: Gottes Gnade ist zugleich seine Heiligkeit. Gnade und Heiligkeit sind keine sich gegenseitig relativierenden Elemente in Gott, sondern ein und dieselbe Sache: Wo Gott sich dem Menschen in Gnade zuwendet, gerade da wendet er sich ihm auch in seiner Beanspruchung und Verpflichtung zu. Weil diese Verpflichtung für den Menschen das Gute will, deshalb ist sie in sich Gnade. Dieser Gnade entspricht beim Menschen der Gehorsam, zu dem er befreit ist.
Derselbe Gedanke drückt sich bei ihm auch in der berühmten Einheit von Evangelium und Gesetz aus; in der Tradition Luthers hingegen bilden die beiden einen unvereinbaren Widerspruch. Das führt auch dort bis hinein in die Gotteslehre, nach der Gott für uns als uneinheitlich erscheinen muss – einerseits der Gott der Gnade und Vater Jesu Christi, andererseits der verborgene Gott in seinem Zorn. Eine Einheit kann man demnach hier nicht einfach behaupten…
Nun: Wie ist zu wählen?
P.S.: Inspiration und Anschubser, hier mit Barth weiter zu machen, kamen vom werten Leser @tischusi. Vielen Dank dafür, dieses Müssen ist – jedenfalls im Augenblick – ein Dürfen.
27. August 2010 at 11:37
Schön, wieder von dir und Karl zu hören! Hatte euch schon vermisst. Und auch gleich ein schöner Gedanke.
27. August 2010 at 19:29
Witzig! Genau über dieses müssen bzw. dürfen habe ich gestern mit meiner Frau gesprochen. Es bleibt schwierig… Aber muss es das? Darf es das? (Metaebene!!!)
Schön, dass ihr wieder da seid!
29. August 2010 at 20:21
Müssen oder dürfen? Beide Wörter nehmen Bezug auf die höhere Autorität Gottes und unser Verhältnis zu dieser. Frage mich, ob ein aufgeklärter Mensch vielleicht weder “muss” noch “darf” – sondern “will”?
30. August 2010 at 06:16
Das, was du als “wollen” vorschlägst, sollte ziemlich der hier beschriebenen ‘lutherischen’ Möglichkeit entsprechen: Spontan der eigenen, neuen Existenz entsprechen, oder? Das Motiv der Autorität Gottes spielt dabei sicher eine geringere Rolle als bei Barth – aber darauf verzichten würde wenigstens Luther sicher nicht.
Würdest du?
Übrigens: Ganz unklar ist mir, was der “aufgeklärte Mensch” hier zu suchen hat?
30. August 2010 at 09:26
Die Frage, ob ich als Christ muss oder darf, ist für mich schwierig, weil ich mich als Mensch der Zeitgeschichte (ich könnte jetzt auch Postmoderne schreiben…) nicht mehr grundsätzlich einer göttlichen Autorität unterstellt sehe.
Den Hintergrund liefert die Aufklärung:
der Mensch unterstellt sich keiner vorgegebenen Autorität mehr, noch erkennt er eine solche überhaupt an, sondern er setzt sich selbst als Autorität: entweder er will, oder er will nicht. (Deshalb der “aufgeklärte Mensch”, damit meine ich auch “der Mensch seit der Aufklärung”)
Nun könnte man sagen der “aufgeklärte Christ” unterstellt sich freiwillig dieser göttlichen Autorität, und begreift die Führung Gottes als Geschenk oder Gnade, und deswegen “darf” er.
Dazu muss er aber seine Beziehung zu Gott auch aus dieser “von ihm selbst gesetzten” Autorität verstehen. Dass Luther nicht ohne göttliche Autorität auskommt, ist klar. Wie ich Barth bisher nach Deinen Ausführungen verstanden habe, spielt für ihn die überragende Größe Gottes und damit einhergehend auch seine Autorität eine große Rolle.
Kann ich auf die Autorität Gottes verzichten? Ich glaube, mittlerweile schon – was die Gegenwart des jetzt-Lebens betrifft. Die Art, wie ich meinen Glauben und meine Gottesbeziehung verstehe und lebe, ist nicht autoritätsgeprägt. Was die Zukunft angeht ist bei mir jedoch die Hoffnung auf Gerechtigkeit an die Autorität Gottes geknüpft. Das wiederum heißt, dass ich tatsächlich annehme, dass die Autorität Gottes per se existiert…
Wie siehst Du das Ganze?
30. August 2010 at 10:57
Deinen Punkt, sich nicht aus seiner zeitgeschichtlichen Situation herauszustehlen, sehe ich auch so. Was die Aufklärung angeht, so musste ich mich einmal ordentlich von der engen Vorstellung lösen, dass die Aufklärung in der Gänze in Irrweg sei. Das war gut so. Nun wird allerdings zunehmend auch der Blick für die Dinge frei, die hier wohl tatsächlich schief liegen. Die Ablehnung von Autorität (wenn man generalisierend redet) gehört m.E. dazu. Die Konzeption des sich selbst bestimmenden Subjekts ist, wenn nicht unter extrem christlicher Einfärbung, die dann das Konzept im Prinzip wieder aufhebt, wohl tatsächlich vor allem eines: Götzendienst.
Der ziemlich autoritäre Ton in Theologie und Gottesbild, der sich bei Calvin und (aber etwas durch Luther abgedämpft) auch mitunter bei Barth findet, ist auch mein Ding nicht. Allerdings: Wo man von Gottes Autorität gar nicht mehr reden kann oder will (wie auch immer), da redet man dann meiner Meinung nach wirklich nicht mehr vom Gott der Bibel oder vom Gott, mit dem es die Kirche in den letzten 2000 Jahren zu tun haben wollte.
Barth kann dabei Autorität Gottes nicht-fundamentalistisch denken (ich habe dazu noch nicht ausreichend gebloggt); deshalb fasziniert er mich. Das mag im Ton manchmal klingen wie Fundamentalismus, ist es aber der Sache nach wirklich nicht. Man frage nur einen ernsthaft christlichen Fundamentalisten nach Barth, man wird sein Teil zu hören bekommen…
Was ich mich angesichts der Barth-Lektüre frage: Könnte unsere Hemmung, von der Autorität Gottes zu reden, damit zu tun haben, dass wir dabei unwillkürlich an den Autoritarismus mancher Menschen und deren Rede von Gott denken müssen?
31. August 2010 at 11:16
Die Ablehung von Autorität im Allgemeinen, sowie im Speziellen auch von göttlicher Autorität hat nach meiner Einschätzung verschiedene Dimensionen: eine historische, die in der geistesgeschichtlich-bedingten grundsätzlichen Ablehnung von Autorität liegt (plakativ: seit der Aufklärung) und eine persönliche Dimension des erlebten Autoritätsmissbrauchs. (Wer von uns kann sich nicht an einen fiesen Lehrer, einen cholerischen Chef oder einen korrupten Politiker erinnern?)
Beide Bereiche enthalten in Bezug auf Religion und Kirche (und damit einhergehend auch auf die Vorstellung von Gott) eine besondere Zuspitzung: die historische Dimension in der europäischen Verbindung von Staatsautorität und Kirche in Mittelalter und Neuzeit; die persönliche im Autoritätsmissbrauch der Kirche der Gegenwart.
Wundert mich daher nicht, dass wir der Autorität Gottes keinen positiven Aspekt mehr abgewinnen können.
31. August 2010 at 13:28
Würdest du also sagen, dass es sich deshalb um eine “Schwierigkeit” handelt, von Gottes Autorität zu reden oder um eine “Unmöglichkeit”?
2. September 2010 at 00:29
barth ist es offensichtlich möglich, oder nicht?
1. September 2010 at 16:53
Hm, ich glaube hier wird “autoritär” mit “Autorität” vermengt?!
Für mich ist Gott die absolute Autorität und Gott sei Dank ist er
dabei nie autoritär!