Gotteserkenntnis im Sinn der neutestamentlichen Botschaft, die Erkenntnis des dreieinigen Gottes bedeutete im Gegensatz zu der ganzen religiösen Welt der ersten Jahrhunderte und sie bedeutet bis heute: radikalste Götterdämmerung. Es war nicht aus der Luft gegriffen, wenn das älteste Christentum von seiner Umwelt des Atheismus beschuldigt wurde (…). Es ist nicht ohne sachlichen Grund, wenn jede genuine Verkündigung des christlichen Glaubens bis auf diesen Tag als eine Störung, ja Zerstörung gerade des religiösen Aufschwungs, Lebens, Reichtums und Friedens empfunden wird. (II/1, 500)
Falls das Christentum auch heute noch als tendenziell “irreligiös” wahrgenommen wird, ist mir das entgangen. Dass es zu dieser Wahrnehmung kaum noch kommt, hängt sicher mit der Entwicklung und Verbreitung der tatsächlich atheistisch-mechanistischen Weltsicht (Dawkins etc.) zusammen. Kann es aber sein, dass sich Christen als Reaktion darauf tendenziell an allem festklammern, was nach “Übernatürlichkeit” riecht? Ist es aber tatsächlich so, dass einem die Animisten und Esoteriker jeglicher Coleur religiös näher stehen als der nüchterne Naturwissenschaftler? Hauptsache “übernatürlich”? Die christliche Erkenntnis, dass es einen Gott gibt und daneben überhaupt nur Geschöpfe weist vielleicht doch in eine andere Richtung? Die Welt wirklich Welt sein zu lassen ist womöglich ein urchristlicher Impuls…
2. September 2010 at 08:01
Volle Zustimmung!
2. September 2010 at 11:19
Von mir bekommt der Karl hier auch vollste Zustimmung. Der am häufigsten gehörte Satz des Christen – oder der nicht umhin kommt, sich so zu nennen – sollte sein: “Nicht dieser Gott, und dieser nicht… – und dieser und dieser auch nicht!”, statt: “Dieser Gott!”
4. September 2010 at 10:13
Man muss den Atheismusvorwurf im römischen Reich natürlich im Kontext sehen: Christen haben nicht nur das griechisch-römische Pantheon abgelehnt, das dafür stand, dass die Welt sich nicht ändert, sondern vor allem den staatstragenden Kaiserkult. Barth scheint mir hier aber die politische Dimension auszublenden. Wenn man das aber nur von der spirituellen oder philosophischen Seite her sieht, dann wird es etwas schief. Einen Atheismus wie heute (als Gegensatz zum Theismus) gab es damals ja praktisch gar nicht. Ich finde es etwas unglücklich, dass der Religionsbegriff bei Barth so einen negativen Unterton bekommen hat, als dunkle Folie für seine Offenbarungstheologie sozusagen. In Wirklichkeit ist auch das etwas vielschichtiger.
4. September 2010 at 11:15
Nun ja, alles hat seine Zeit und wohl auch seinen Ort. Das Zitat stammt eben aus einer bestimmten Stelle der Gotteslehre.
Politische Harmlosigkeit wird man Barth allerdings kaum vorwerfen wollen: Den Kaiserkult seiner Tage hat Barth nun wirklich in aller Konsequenz abgelehnt, oder?
Sein Religionsbegriff ist sicher von herber Geschmacksrichtung und wohl auch ein bisschen reduktionistisch. Und natürlich war meine Zuspitzung hier auch nicht gerade um “Anknüpfung” bemüht, aber ein bisschen Polemik hilft ja vielleicht zur Klärung der Sachlage
4. September 2010 at 12:22
Hatte noch vergessen zu sagen: Ich teile Deine Kritik an der naiven Begeisterung für “Übernatürliches” – wobei da ja dann oft auch die Abgrenzung gegen alles “Okkulte” mitschwingt, d.h. es herrscht ein doppelter Dualismus: natürlich/übernatürlich und zusätzlich noch göttlich/dämonisch…