Finde ich Barths Kritik überzeugend? Ich bin noch nicht sicher. Für sich hat dieser Ansatz jedenfalls, dass die Evangelien Christus, bei all seiner Besonderheit, als tatsächlich ständig Missverstandenen vorstellen. Menschen glauben eben nicht, dass er Gottes Sohn ist, obwohl er Außerordentliches tut und sagt. Der Eindruck, den Jesus als Person (Prediger, Leiter, Freund etc.) gemacht haben mag, „beweist“ hier offenbar noch gar nichts.

Aber, und das wäre die Rückfrage an Barths Kritik: Soll denn in der frommen Rhetorik damit, dass Jesus als bester Prediger und Familienvater idealisiert wird, wirklich etwas „bewiesen“ werden? Findet diese Bewunderung hier nicht eigentlich im Nachhinein der Offenbarung und des Glaubens an die Gottheit Jesu statt? Ist das wirklich eine Art „natürliche Theologie“? Ich denke nicht.

Wo liegt also das Problem, wenn die Gottheit Jesu ständig in eine Art menschliche Supermanhaftigkeit übersetzt wird? Wo liegt das Problem, wenn z.B. Dallas Willard feststellt, dass Jesus der intelligenteste Mensch aller Zeiten gewesen sein muss, weil er ja Gottes Sohn war? Nicht so sehr vielleicht, wie Barth annimmt, darin, dass damit etwas für die Gottheit Jesu „bewiesen“ werden sollte. Sondern es wird hier offensichtlich – unter Voraussetzung der Gottheit Jesu – irgendwie unklar, dass Gottes Wort wirklich Mensch wurde; sich wirklich entäußerte und Knechtsgestalt annahm.

Wir kommen also einerseits angesichts der Evangelien nicht umhin, Jesus als wirklich außergewöhnlichen Menschen zu verstehen. Darin aber liegt kein „Beweis“ für seine Gottheit.

Wir kommen andererseits angesichts des gesamten christologischen Zeugnisses nicht umhin, Christus als einen Menschen unter Menschen zu verstehen. Darin aber liegt keine Bestreitung seiner Besonderheit – soweit die Evangelien diese bezeugen (aber eben nur soweit und nicht rückschließend und phantasierend darüber hinaus) .

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