Es ist in frommen Kreisen nicht unüblich, sich Jesus – weil Gottes Sohn – als den „besten Menschen“ vorzustellen. Jesus ist dann der vorbildlichste Leiter, Beter, Prediger, Sozialrevolutionär, Geschichtenerzähler usw. Ließe sich das irgendwie hinbekommen, wäre man wohl auch froh, ihn irgendwie als den vorbildlichen Ehemann und Familienvater darstellen zu können.

Barth identifiziert diesen fromm-pietistischen Zugang zu Christus über die Bewunderung des Menschen Jesus in einer interessanten Wendung als Parallele zur liberalen Beschreibung des „historischen Jesus“. In beiden Projekten geht es um die Verortung des „Göttlichen“ im „Menschlichen“. In der frommen Richtung mehr als Verortung in einer vielleicht charakterlichen Vorzüglichkeit, in der liberalen Richtung als Verortung in einer vielleicht ethisch-moralisch-politischen Vorbildlichkeit.

Gemeinsam ist beiden Ansätzen, so Barth, dass das Geheimnis des Christus (als Mensch wahrer Gott) auf diese Weise „allgemein verständlich“ und „allgemein einleuchtend“ werden soll. Jesu Göttlichkeit wird in seiner Super-Menschlichkeit erwiesen. So aber „wird durch die direkte Verherrlichung der Menschheit Christi als solcher das göttliche Wort umgangen…“ (I/2, 151) Dabei kann doch die Menschheit Jesu „an sich, abstrakt und direkt [nicht] Gegenstand des Glaubens und der Anbetung sein“.

Zum Glauben an den Christus soll und muss man nicht kommen, indem man Jesus so menschlich beeindruckend findet, dass man gar nicht anders kann, als ihn Gott zu nennen. Wie dann? Nach Barth geschieht so etwas allein durch einen göttlichen Akt der Offenbarung, in dem einem Menschen diese eine, an sich vielleicht imponierende aber sicher nicht unausweichlich zum Glauben überführende historische Gestalt als der ewige Sohn Gottes erschlossen wird.

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