In der modernen protestantischen Dogmatik nimmt Barth auch in dieser Frage eine Sonderstellung ein: Er bejaht das Dogma der Jungfrauengeburt. Die Ausführungen dazu sind mitunter etwas zäh, knapp lässt sich folgender Argumentationskern feststellen:

  • Die Jungfrauengeburt (JG) ist nicht allein deshalb zu übernehmen, weil sie stets Dogma aller Kirchen gewesen wäre. Dadurch allerdings kommt ihr immerhin eine Stellung zu, die Respekt und ernsthaftes Nachdenken gebietet.
  • Es ist einzugestehen, dass die biblische Bezeugung vergleichsweise dünn und nicht unfraglich ist. Zugleich wird man das biblische Zeugnis nicht als so problematisch bezeichnen wollen, dass aus exegetischer Sicht das Dogma zu bestreiten sei.*
  • Man muss von der gemeinten Sache her argumentieren: Was ist mit der JG theologisch ausgedrückt? Barths Formulierung lautet: Die JG ist „Zeichen für das Geheimnis der Offenbarung in Christus“.
  • In möglichst einfachen Worten heißt das: Die JG ist – darin vergleichbar mit dem leeren Grab – weder die Offenbarung selbst noch die Begründung der Offenbarung. Sie ist, darin aber liegt ihre unaufgebbare Funktion: Hinweis auf die Offenbarung in Christus, gelegte Spur, der es zu folgen und nachzufragen gilt.
  • Sachlich heißt das: Die Geburt aus einer Jungfrau und die Empfängnis nicht durch einen Mann, sondern durch den Heiligen Geist selbst, bezeichnet die Tatsache, dass hier Gott allein handelt, ohne ein Zutun oder einen Anknüpfungspunkt beim Menschen.
  • Der Mensch Jesus entsteht demnach so, wie Glaube entsteht: Ohne menschliches Zutun, allein durch das Wirken des Geistes.

Fazit: Die Jungfrauengeburt ist sachlich die Bestreitung jeder natürlichen Theologie, also der Vorstellung, der Mensch sei in welcher Hinsicht und geringen Weise auch immer, „Mitarbeiter“ Gottes. Christus könnte auch geglaubt werden, ohne dieses Zeichen, denn in Christus selbst ist alles Wesentliche schon gesagt. Wo die JG aber einmal bezeugt ist, kann sie nicht ohne Gefahr geleugnet werden: Denn sie ist Hinweis auf das souveräne Handeln Gottes am Menschen.

Meine Ansicht: Ich schätze die Ehrlichkeit, mit der Barth zunächst die Hinterfragbarkeit der JG aufgrund der neutestamentlichen Belege bejaht, und ich schätze den Respekt, mit der er einem Dogma begegnet, dass bis heute von allen Christen bekannt wird (mit welchen Hintergedanken auch immer). Beides muss gesagt werden. Die Leugnung der Hinterfragbarkeit ist Zeugnis der Ängstlichkeit, das lockere Vom-Tisch-Wischen Zeugnis der Arroganz.
Barths Auslegung ist dann natürlich verdächtig „auf Linie“, was seine eigene theologische Konzeption angeht. Ich bin noch nicht ganz überzeugt, dass dies tatsächlich auch das Anliegen der ersten Christen bei der Formulierung des Dogmas gewesen sein soll. Aber nachdenklich macht es mich schon: Kann es sein, dass hier weder eine Lust am Mirakel noch eine gewisse Leibfeindlichkeit noch ein Einfluss aus mythologischen Anschauungen ausschlaggebend war, sondern tatsächlich eine theologische Notwendigkeit erspürt wurde?

*Dahinter steht die Tatsache, dass die älteren Texte des NT (z.B. Paulus und Markus) die Jungfrauengeburt nicht thematisieren. In den frühen Bekenntnisformulierungen (Röm 1, 1Kor 15) kommt sie nicht vor. Manche Exegeten meinen deshalb, die späteren Nennungen der Jungfrauengeburt (Mt, Lk) seien z.B. durch leibfeindliche Interessen bedingt und durch die früheren Texte zu kritisieren.

P.S.: Es mag künstlerisch zweite Liga sein – aber ich glaube, ich habe noch nie ein so schönes Bild von Maria mit dem Christuskind gesehen wie das hier.

Advertisements