Es ging hier schon einmal um den Zusammenhang von Barths Betonung der Souveränität Gottes (Gott allein ist der Handelnde) und einer entkrampften Missionspraxis (wir müssen hier nichts reißen).

Sehr schön stellt Barth das dann auch für die andere Seite dar: Wo verstanden ist, dass es grundsätzlich nicht in menschlicher Verfügung steht, wo, wie und wann Gott am Menschen wirkt, da kann es auch gelingen, das Gegenüber meines Zeugnisses im besten Sinne frei zu geben:

Die Kraft des christlichen Zeugnisses steht und fällt damit, daß ihm bei aller Dringlichkeit auch diese Zurückhaltung eigen ist. Ich kann es ja weder mir selbst noch einem anderen verschaffen und geben, daß ihm in seiner Not geholfen wird. Ich kann also mit meinem Zeugnis nicht den Plan verfolgen, verändernd in sein Leben eingreifen zu wollen.

Ein Zeuge ist weder ein Fürsorger noch ein Erzieher. Ein Zeuge wird seinem Nächsten gerade nicht zu nahe treten. Er wird ihn nicht „behandeln“. Er wird sich ihn nicht zum Gegenstand seiner Tätigkeit machen, auch nicht in der besten Absicht. Zeugnis gibt es nur im höchsten Respekt vor der Freiheit der göttlichen Gnade und darum auch im höchsten Respekt vor dem Anderen, der von mir gar nichts, sondern Alles von Gott zu erwarten hat. (KD I/2, 488)

Dazu nur noch zwei knappe Überlegungen:
  • Auch viele von uns Freikirchlern würden das wohl gerne unterschreiben. Aber dann muss man sich bewusst sein, dass dies mit einer „Willensfreiheit des Einzelnen“ im evangelistischen Bereich nicht zu machen ist. Wo jeder angeblich in ganz eigener Freiheit „Ja“ zum Glauben sagt oder auch nicht, während Gott als Zuschauer wartet, was passiert, da muss dann eben der Mensch ganz heftig engagiert werden. Nicht, dass dies die gängige freikirchliche Lehre wäre, aber man muss es sich einmal klar machen. Kein Mensch kann einen anderen „bekehren“.
  • Zeugen sind keine Fürsorger, Evangelisation ist nicht Lebenshilfe. In Frage gestellt wird damit auch die nicht seltene Praxis, Menschen gewissermaßen in den Raum des Glaubens und der Kirche „hinein zu seelsorgen“. Damit könnte aber auch das Kümmern um den anderen in einer schwierigen Lebensphase vom Ballast befreit werden, ihn am Ende des Weges irgendwohin konvertiert zu haben. Die Lebenshilfe hat so oder so ihren Wert. (Und dass sie am Ende auch Mittel in Gottes Hand gewesen sein kann, ist ja unbenommen…)

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