KD I/1


Heute den ersten Band, KD I/1, abgeschlossen. So stelle ich mir die ersten 500 Meter eines Marathons vor. Man fühlt sich frisch, die Beine kommen gerade in Schwung, am Streckenrand wird aufmunternd geklatscht. Aber es kann keinen Zweifel geben: Durch die §§34/35 (Gottes Gnadenwahl, 2. Teil), irgendwo zwischen Seite 2400 und 2800, da wo keiner mehr jubelt, da musst du durch, an irgendeinem Morgen im Frühjahr 2010…

Nach hunderten von Seiten über das Geheimnis der Trinität Gottes beendet Barth den ersten Band mit einem Zitat aus Augustins De trinitate:

Befreie mich, o Herr, von der Vielrederei, an der ich drinnen in meiner Seele leide; sie ist erbarmungswürdig vor deinen Augen und flieht hin zu deinem Erbarmen. (De trin. XV 28,51)

Das ist Barth, wie man ihn kennt: Der Theologe soll von Gott reden, kann es aber nicht, weil er nur Mensch ist. So redet er also von Gott, aber in der Hoffnung auf die Gnade Gottes über sein Reden. Eine letzte Spitze gegen andere Dogmatiker kann er sich aber dann am Ende doch nicht verkneifen. Und so folgt auf das schöne Augustin-Zitat noch diese etwas fiese aber amüsante Anmerkung:

R. Seeberg (Lehrbuch der Dogmengeschichte 2, 163) entnimmt diesen Worten Augustins, ihm sei am Ende [seiner Theologie] bei der „Fülle der Gesichte“ selbst bange geworden. Nun, das könnte wohl sein. Es gibt Theologien, deren Urhebern am Ende keineswegs bange zu werden braucht, weil ihnen die „Fülle der Gesichte“ aus guten Gründen erspart geblieben ist. (KD I/1, 513)

Als kleiner Junge hat sich Barth häufig und gerne geprügelt. Als gestandener Theologe offenbar auch noch.

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Neben seinen eigenen (nicht zu knappen) Ausführungen gibt Barth in der KD ständig in kleingedruckten Exkursen Belege zum Thema, aus der Bibel oder Kirchengeschichte. Diese Exkurse sind mitunter sehr ausführlich und nicht selten ist man versucht, ein bisschen drüber zu springen. Bei einem lohnt sich’s aber fast immer, genauer hinzuschauen: Der heimliche Star der Exkurse ist eindeutig Luther – so deftig und treffend wie in seinen Zitaten findet man’s eben nirgends sonst. Zur Frage der scholastischen Spekulationen über die immanente Trinität (also Gott, wie er abgesehen von seiner Offenbarung für uns zu verstehen ist), meint Luther:

Wenn sie [die spekulativen Theologen] mit dem Kopf durch den Himmel boren und sehen sich im Himmel um: Dann finden sie niemand als Christus, wie er in der Krippe liegt oder in des Weibes Schoß. So stoßen sie wieder herunter und – brechen sich den Hals. (nach KD I/1, 439)

Eigentlich soll Barth ja angeblich von Calvin irgendwie mehr gehalten haben als von Luther. Ich kann das bis jetzt überhaupt nicht bestätigen. Vielleicht ändert sich das noch im Laufe der KD? Barth hat ja von hier ab noch 30 Jahre lang weiter geschrieben… (seufz)

In §8.3 fragt sich Barth, ob man in anderen Religionen Bestätigung für die Wahrheit der Trinitätslehre finden könne. Immerhin finde man ja im Babylonischen und Brahmanischen triadische Formulierungen des Weltprinzips, der Buddhismus kenne „drei Kleinodien“. Er ist allerdings nicht überzeugt: „Denn was nach Abzug der Frage nach dem Wesen, das dort als das Wesen Gottes beschrieben wird, übrigbleibt, ist eigentlich nur die Dreizahl.“ (I/1, 361) Und dann führt Barth, eine Perle der Religionswissenschaft, die Begründung dieser Göttlichkeit der Dreizahl in den Religionen an, wie sie im Lexikon „Religion in Geschichte und Gegenwart, 2.Aufl“ zu lesen steht:

„Heilig ist [die Dreizahl] vermutlich deshalb, weil der primitive Mensch eine größere Zahl noch nicht kannte.“ (RGG 2, Art. Dreieinigkeit I).

Ja, ich nehme an, genau so hat sich das abgespielt…

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Vor genau drei Wochen habe ich mit dem Lesen begonnen. Dazwischen kam eine unschöne Episode zwischen mir und meinen Weisheitszähnen (wir haben uns inzwischen in beiderseitigem Einvernehmen getrennt), so dass ich jetzt als ersten Erfolg den Abschluss der sog. „Einleitung: Das Wort Gottes als Kriterium der Dogmatik“ feiern kann. Dass die Einleitung zur Vorrede eines Buches schon 310 Seiten hat, verheißt ja nichts Gutes – oder aber: lehrt Entschleunigung und Geduld. Sehen wir’s mal von der positiven Seite (was bleibt uns übrig?).

Wen es interessiert: Die Gliederung der Studienausgabe, nach der ich lese, kann man sich hier anschauen. Man sieht: 1 von 30 Bänden wäre geschafft.

Ach ja: Das ist jetzt alles recht formal. Inhaltlich hat mich der Text bis jetzt schon intensiv beschäftigt. Ich werde demnächst auch mal anfangen, ein bisschen Inhaltliches zu posten. Aber Lesen hat Vorrang…