KD II/1


Die Möglichkeit der Gebetserhörung ist ein ziemliches Problem für die Gotteslehre: Kann es sein, dass die Hand des allwissenden und selbstbestimmten Schöpfers durch das Gebet eines kurzsichtigen und beschränkten Menschen gelenkt wird? Dies ist zum einen ein Problem für die Vorsehungslehre: Weiß Gott nicht selbst am Besten, was zu tun ist? Dann aber auch für die Lehre von Gottes Gottheit, seine Selbstbestimmung und Unveränderlichkeit. Ist Gott nicht derselbe gestern, heute und in Ewigkeit? Wie sollte er seine Meinung auf Grund eines Gebetes ändern? Ist das noch „Gott“, was sich von Geschöpfen bestimmen lässt? Eine (wohl nicht selten gewählte) dogmatische Lösung besteht darin, das Thema zu ignorieren; eine andere darin, das Gebet auf demütige Dankbarkeit zu reduzieren.

Barth versucht in seiner Behandlung der Unveränderlichkeit Gottes (die bei ihm bezeichnenderweise „Beständigkeit“ heißt) beide Aspekte, die Souveränität Gottes und seine Zugewandtheit, so zu verstehen: „Es gibt auf Grund der Freiheit Gottes selbst eine Bestimmung Gottes durch das Gebet des Glaubens.“ (II/1, 574) Gott hat sich selbst in souveräner Freiheit festgelegt, derjenige Gott zu sein, der Gebete des Glaubens (die ja auch nicht wahllose Wünsche sind) erhört. Gottes Unveränderlichkeit ist also keine abstrakte Unbewegtheit und Unbeweglichkeit! Gottes Unveränderlichkeit ist seine Treue zu sich selbst – und er selbst ist eben derjenige, der sich in Jesus Christus als dem Menschen gnädig Zugewandter zu erkennen gibt. Und diesem Gott, der sich in Christus dazu bestimmt hat, Gott für uns zu sein, diesem Gott entspricht es, Gebete zu erhören.

Deshalb ist es „dem Glauben wesentlich, Glaube an den Gott zu sein, der Gebete erhört: nicht weniger als es ihm wesentlich ist, Glaube an den Gott zu sein, der uns frei erwählt und der uns eine ewige Hoffnung gegeben hat.“ (576)

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Die Barth-Blog-Pause hat nun knappe 4 Monate gedauert. Es war wirklich einmal fällig, wie ich jetzt merke, wo ich mich langsam wieder einfinde. Wie erhofft, habe ich nun wieder Geduld und Freude an Barths langen Sätzen und endlosen Wiederholungen. Auf in die nächste Runde.

Nachdem hier gerade noch mit einem Beitrag der Anfang in der „Gotteslehre“ (KD II/1) gemacht wurde, bin ich inzwischen bei Barths Lehre von den Eigenschaften Gottes angekommen. Da es hier nie darum ging, ernsthafte Zusammenfassungen anzubieten (wer das sucht, wird ja bei Otto Weber bestens bedient), erspare ich mir eine Nacherzählung des Verpassten und springe mitten hinein in den §30 „Die Vollkommenheiten des göttlichen Liebens“.

Dabei begegnet, für mich überraschend, gerade hier eine Frage, die mich schon eine Weile beschäftigt: Sind Müssen und Dürfen für den Christen ein Widerspruch oder nicht? Ist der vom Evangelium getroffene Mensch ein radikal von jedem Anspruch und jeder Pflicht befreiter, der allein in Entsprechung zu seiner neuen Existenz (2Kor 5,17!) lebt? Der Christ „muss“ gar nichts mehr; er darf nun.

Oder ist der vom Evangelium getroffene Mensch gerade als Erneuerter und Befreiter überhaupt erst mit vollem Ernst in Anspruch genommen, weiß er sich von Gott auf eine Art und Weise in die Pflicht genommen, die ihm zuvor unbekannt war? Sein Dürfen ist auch ein Müssen?

Oder anders: Ist die Rede vom „Gehorsam“ eine, die auf die durch Christus ermöglichte Gottesbeziehung anwendbar ist, oder nicht? Können diejenigen, die nun vom Geist Gottes getrieben werden (Röm 8,1ff) noch von einem Müssen reden? Oder wissen überhaupt erst sie, wie ernst es Gott ist und sehen ihr Müssen deshalb in voller Klarheit?

Für Barth gilt ganz klar: Im Dürfen liegt auch ein neues und nun erst wirklich dringliches Sollen und Müssen. Das nimmt in seiner Gotteslehre eine bestimmte Form an: Gottes Gnade ist zugleich seine Heiligkeit. Gnade und Heiligkeit sind keine sich gegenseitig relativierenden Elemente in Gott, sondern ein und dieselbe Sache: Wo Gott sich dem Menschen in Gnade zuwendet, gerade da wendet er sich ihm auch in seiner Beanspruchung und Verpflichtung zu. Weil diese Verpflichtung für den Menschen das Gute will, deshalb ist sie in sich Gnade. Dieser Gnade entspricht beim Menschen der Gehorsam, zu dem er befreit ist.

Derselbe Gedanke drückt sich bei ihm auch in der berühmten Einheit von Evangelium und Gesetz aus; in der Tradition Luthers hingegen bilden die beiden einen unvereinbaren Widerspruch. Das führt auch dort bis hinein in die Gotteslehre, nach der Gott für uns als uneinheitlich erscheinen muss – einerseits der Gott der Gnade und Vater Jesu Christi, andererseits der verborgene Gott in seinem Zorn. Eine Einheit kann man demnach hier nicht einfach behaupten…

Nun: Wie ist zu wählen?

P.S.: Inspiration und Anschubser, hier mit Barth weiter zu machen, kamen vom werten Leser @tischusi. Vielen Dank dafür, dieses Müssen ist – jedenfalls im Augenblick – ein Dürfen.