Stand der Dinge


Das Theologie-Examen ist durch und damit endlich wieder ein bisschen Zeit für die KD. In welchem Rhythmus es hier weitergeht, kann ich zwar kaum sagen, es ist aber wohl inzwischen auch nicht mehr entscheidend: Wer über neue Posts Bescheid wissen will, kann sich ja des Twitter-Accounts bedienen.

Zum Stand der Dinge: Ich stehe kurz vor dem Abschluss von KD II/1, das heißt der sog. „Eigenschaftslehre“. Dazu gehören bei Barth folgende Eigenschaften, die hier „Vollkommenheiten“ heißen:

  • Gottes Gnade und Heiligkeit
  • Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit
  • Gottes Geduld und Weisheit
  • Gottes Einheit und Allgegenwart
  • Gottes Beständigkeit und Allmacht
  • Gottes Ewigkeit und Herrlichkeit
Bis zur Ewigkeit sind wir schon vorgedrungen, ist noch die Herrlichkeit offen.
Danach folgt KD II/2 mit der berühmt-berüchtigten Lehre von der Prädestination, worauf ich schon sehr gespannt bin.
Weiteres Inhaltliches folgt dann bei Gelegenheit…

Nun ist es eben doch so weit: Ein KD-Pause muss her. Um dieses vorhersehbare Einknicken doch noch in ein vorteilhaftes Licht zu rücken, sei darauf hingewiesen, dass diese Pause einen noblen, nämlich theologischen Grund hat: Ich muss für ein paar Wochen Calvin statt Barth lesen. Das hat v.a. damit zu tun, dass ich demnächst meine Diplomarbeit über Calvin zu schreiben habe und mich deshalb hier jetzt etwas intensiver einlesen muss. Ich merke aber auch, dass mir ein bisschen Abwechslung gut tut. Wer Barth kennt, der weiß, das seine Stärke nicht in der Kürze und Prägnanz liegt. Ausführlichkeit und Wiederholung sind hier aller Weisheit Anfang. Das führt aber bei längerer ununterbrochener Lektüre zu gewissen Abnutzungserscheinungen. Weshalb eine Unterbrechung vielleicht auch zu neuer Frische und Aufmerksamkeit verhelfen könnte.

Barth selbst wäre mit dieser Art der Ablenkung sicher zufrieden gewesen. Über seinem Schreibtisch hingen zwei Porträts als Erinnerung an seine beiden größten Helden: Calvin und Mozart.

Kurz zum Stand der Dinge am Anfang des neuen Jahres: Nach einer etwas weniger ergiebigen Vorweihnachtszeit und einer ganz abstinenten Weihnachtszeit rollt der KD-Zug wieder. Das, was unterwegs an Strecke verloren ging, versuche ich jetzt nicht durch doppeltes Tempo wett zu machen. Sollte nichts Überraschendes passieren kann also schon jetzt, gut 2 Monate nach Beginn des Projektes, unumwunden festgestellt werden: Mit der ganzen KD in einem Jahr wird’s wohl nichts. Da häufen sich so locker über die Weihnachtstage schon mal knapp 300 Seiten Soll an.

Aber ganz ehrlich: Das interessiert mich momentan eher wenig. Der Schwerpunkt bei der Sache liegt eher auf der „KD“ als auf dem „Jahr“. Deshalb mache ich hier munter weiter und freue mich über alle, die den Weg, in welchem Tempo auch immer, ein bisschen mitgehen.

Heute den ersten Band, KD I/1, abgeschlossen. So stelle ich mir die ersten 500 Meter eines Marathons vor. Man fühlt sich frisch, die Beine kommen gerade in Schwung, am Streckenrand wird aufmunternd geklatscht. Aber es kann keinen Zweifel geben: Durch die §§34/35 (Gottes Gnadenwahl, 2. Teil), irgendwo zwischen Seite 2400 und 2800, da wo keiner mehr jubelt, da musst du durch, an irgendeinem Morgen im Frühjahr 2010…

Nach hunderten von Seiten über das Geheimnis der Trinität Gottes beendet Barth den ersten Band mit einem Zitat aus Augustins De trinitate:

Befreie mich, o Herr, von der Vielrederei, an der ich drinnen in meiner Seele leide; sie ist erbarmungswürdig vor deinen Augen und flieht hin zu deinem Erbarmen. (De trin. XV 28,51)

Das ist Barth, wie man ihn kennt: Der Theologe soll von Gott reden, kann es aber nicht, weil er nur Mensch ist. So redet er also von Gott, aber in der Hoffnung auf die Gnade Gottes über sein Reden. Eine letzte Spitze gegen andere Dogmatiker kann er sich aber dann am Ende doch nicht verkneifen. Und so folgt auf das schöne Augustin-Zitat noch diese etwas fiese aber amüsante Anmerkung:

R. Seeberg (Lehrbuch der Dogmengeschichte 2, 163) entnimmt diesen Worten Augustins, ihm sei am Ende [seiner Theologie] bei der „Fülle der Gesichte“ selbst bange geworden. Nun, das könnte wohl sein. Es gibt Theologien, deren Urhebern am Ende keineswegs bange zu werden braucht, weil ihnen die „Fülle der Gesichte“ aus guten Gründen erspart geblieben ist. (KD I/1, 513)

Als kleiner Junge hat sich Barth häufig und gerne geprügelt. Als gestandener Theologe offenbar auch noch.

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Vor genau drei Wochen habe ich mit dem Lesen begonnen. Dazwischen kam eine unschöne Episode zwischen mir und meinen Weisheitszähnen (wir haben uns inzwischen in beiderseitigem Einvernehmen getrennt), so dass ich jetzt als ersten Erfolg den Abschluss der sog. „Einleitung: Das Wort Gottes als Kriterium der Dogmatik“ feiern kann. Dass die Einleitung zur Vorrede eines Buches schon 310 Seiten hat, verheißt ja nichts Gutes – oder aber: lehrt Entschleunigung und Geduld. Sehen wir’s mal von der positiven Seite (was bleibt uns übrig?).

Wen es interessiert: Die Gliederung der Studienausgabe, nach der ich lese, kann man sich hier anschauen. Man sieht: 1 von 30 Bänden wäre geschafft.

Ach ja: Das ist jetzt alles recht formal. Inhaltlich hat mich der Text bis jetzt schon intensiv beschäftigt. Ich werde demnächst auch mal anfangen, ein bisschen Inhaltliches zu posten. Aber Lesen hat Vorrang…

Simon fragte mich anlässlich dieses Projektes berechtigterweise, ob Barth denn selbst überhaupt gewollt habe, dass jemand diesen Riesenhaufen von Büchern wirklich durchlese? Worauf man sachgemäß nur mit einem Diktum Barths antworten kann, das zugleich seinen zupackenden Stil wie seine entwaffnende Unbescheidenheit offenbart:

„Wer schon von mir reden will, der müßte mich – das ist nicht zuviel verlangt – jedenfalls gelesen, und zwar (wenn er nicht Journalist, sondern ein ernster Mensch und gar noch ein ernster und also nicht bloß blätternder Theologe ist) ganz gelesen haben.“

Nein, das ist natürlich nicht zuviel verlangt; und wer wollte nicht lieber ernster Mensch als Journalist sein?

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Das Projekt ist schnell beschrieben: Karl Barths „Kirchliche Dogmatik“ lesen. Ganz. In einem Jahr. Die Tatsache, dass dies irrsinnig und unmöglich ist, wollen wir zu Beginn außer Acht lassen.

Der Plan lautet: 9000 Seiten in gut 300 Tagen. Macht 30 Seiten pro Tag. Da ich tagsüber ein Theologiestudium zu absolvieren habe und mich überdies in der glücklichen Lage befinde, eine kleine Familie zu haben, muss die KD irgendwann außerhalb zivilisierter Tagsezeiten gelesen werden. Also frühe Morgenstunden und wenn’s geht abends vorm Ins-Bett-Gehen. Sechs Tage die Woche. So ist der Plan.

Dieser Blog dient als Tagebuch, Verpflichtungsversuch und Sammlung von Leseeindrücken. Ich freue mich über jeden, der mich amüsiert bei diesem verrückten Versuch begleitet. Neue Einträge werde ich wahrscheinlich als Meldung über den dazugehörigen Twitter-Account verschicken.

Herzlich Willkommen.